"Gisa Klönne entwickelt Charaktere von beklemmender Authentizität. Eine fesselnde Lektüre."

Hamburger Abendblatt

Interview

André Hille, Gründer der Leipziger Schreibschule Textmanufaktur, sprach im Januar 2010 mit Gisa Klönne über vermeintliche Trends im Literaturbetrieb, ihren Weg in einen Verlag und Selbstzweifel.

Textmanufaktur:Sie haben Ihren ersten Roman mit 40 Jahren, also relativ spät veröffentlicht, wie sah ihr Weg in einen Verlag aus?

Gisa Klönne:Untypisch. Untypisch insofern, als ich mein Manuskript an zwei Verlage geschickt habe und beide es haben wollten. Der Ullstein Verlag, bei dem ich jetzt bin, und ein großer Münchner Verlag. Eine Situation, von der man dachte, dass sie nie eintritt. Erst riefen die einen an und wollten das Manuskript unbedingt haben, daraufhin war ich dann gestärkt und dachte, jetzt rufst du mal bei dem anderen Verlag an, und dann ging es stündlich. Kommen Sie doch nach München, nein, kommen Sie nach Berlin, und ich befand mich plötzlich in einer großen Krise, welchen Verlag ich nehmen sollte.

Textmanufaktur:Dass das bei Ihnen sofort so gut funktioniert hat, wird am Manuskript gelegen haben. Meinen Sie, dass ein gutes Manuskript immer seinen Weg macht im deutschen Literaturbetrieb?

Gisa Klönne:Ja, absolut. Ich kenne keinen Verlag, keinen Lektor oder Agenten, der nicht verzweifelt guten Stoff sucht.

Textmanufaktur: Ist das nicht ein Paradox? Auf der einen Seite die Überschwemmung mit Material, hunderten Manuskripten pro Tag, auf der anderen die Suche nach guten Texten.

Gisa Klönne:Genau. Es kann aber sein, dass ein gutes Manuskript eine Weile braucht, bis es einen Verlag findet, weil es unglücklicherweise an einem Tag großer Überlastung auf dem falschen Tisch gelandet ist, weil man denkt, das Thema sei gerade durch, weil irgendwas falsch verstanden wird. Ich glaube aber, dass sich eine gute Geschichte durchsetzt.

Textmanufaktur:Das ist ja immer die Gratwanderung: Glaubt man an sich, obwohl der Text eigentlich unreif ist, oder wird man nur verkannt. Wann sollte ein Autor loslassen von einem Text?

Gisa Klönne:Ich habe für jeden meiner Romane Testleser. Meine Lektorin liest mit, mein Mann liest mit, und zwei Freundinnen lesen mit. Man muss sich natürlich die richtigen Leute suchen, es nützt ja nichts, wenn man nur Hurra-Sager um sich hat. Bei meinem letzten Roman merkte sich, dass die Reaktionen etwas verhalten waren. Sie fanden den Text zwar schön, waren aber nicht begeistert. Ich habe dann so lange gebohrt, bis die Wahrheit ans Licht kam, und bin dann in eine tiefe Krise gestürzt. Schließlich musste ich die ersten 200 Seiten noch mal schreiben. Man muss also auch die Fähigkeit zur Selbstkritik mitbringen. Ich glaube, man kann es ganz tief in sich spüren, ob eine Geschichte trägt und für einen Roman reicht.

Textmanufaktur:Wie gehen Sie mit solchen Momenten der tiefen Selbstzweifel, der Krise um? Wie überwinden Sie die?

Gisa Klönne:Ich finde sie immer furchtbar, ganz ehrlich. Andererseits gehört es dazu. Ist schreiben Lust oder Qual? Es ist immer beides, und dieses Quälende bringt oft den Antrieb, noch mal genau zu schauen, noch genauer zu arbeiten, und das bringt den Text dann auch weiter. Ich glaube, dass es zum Erfolg auch gehört, dass man weiter wächst, sich weiterentwickelt als Autor, und natürlich auch mit Misserfolgen umgehen können muss.

Textmanufaktur:Wie ist Ihr Verhältnis zwischen Schreiben und Literaturbetrieb?

Gisa Klönne:Ich versuche, meine Schreibzeit sehr intensiv zu nutzen und wenig Anderes zu machen, weil ich mich wirklich sehr konzentrieren muss. Prinzipiell gibt es bei mir eine Schreibphase von etwa neun Monaten, in der ich versuche, mir möglichst viel Raum zu schaufeln; dann werde ich auch für Freunde etwas unleidlich oder wortkarg. Dann gibt es die Lektoratsphase, in der man sehr viel Kontakt hat, ähnlich wie in der Recherchephase, und dann kommt irgendwann die Lesungsphase. Dieser Wechsel zwischen Einsamkeit und dem plötzlichen überwältigenden Feedback ist manchmal extrem.

Textmanufaktur:Gibt es Trends im Krimibereich? Was suchen Verlage?

Gisa Klönne:Ich glaube, es ist ziemlich sinnlos zu versuchen, Trends rauszukriegen. Ich versuche meine Stoffe danach zu finden, ob sie in mir wirklich etwas zum Klingen bringen. Ich habe viele Ideen, mit denen spiele ich, und bei irgendeiner Idee merke ich, dass ich zunächst selbst total angefixt bin. Dann kriege ich vielleicht noch einen gesellschaftlichen Dreh, aber vor allem geht es darum, dass mich dieses Thema fast körperlich packt. Die Bücher, die ich schreibe, müssen zunächst mir gefallen, alles andere muss ich akzeptieren. Mein Buch ist nicht besser oder schlechter, wenn es einen Preis kriegt, es ist auch nicht besser oder schlechter, wenn es ein Kritiker lobt oder verreißt, sondern es ist erstmal mein Buch, so wie ich es geschrieben habe. Es geht darum, seine Stimme, seine Geschichte zu finden und die zu erzählen, und dabei möglichst gesund zu bleiben.

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Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von André Hille, Textmanufaktur. Das vollständige Interview lesen Sie hier: » www.text-manufaktur.de