Der Wald beobachtet mich, er lauscht, er wartet. Das Gefühl lässt sich nicht ignorieren.

(Der Wald ist Schweigen)

Reportage

Bis vor wenigen Jahren ging es im deutschen Forst zu wie in einem schlechten Heimatfilm: Männer mit Hund und Hut dominierten die Szene. Inzwischen setzen sich einige Försterinnen durch.

Ein Report von Gisa Klönne

Die Frau im grünen Parka schnappt sich das Werkzeug aus dem Kofferraum ihres Geländewagens und trabt mit wehendem Pferdeschwanz in den Buchenhain. Es ist kalt im Münsterland, Motorsägen kreischen und irgendwo kracht donnernd ein Baum zu Boden. Planmäßig, so wie die 33jährige das am Vortag angeordnet hat. „Durchforstungsmaßnahmen“, sagt Andrea Balke-Borkes zufrieden und grüßt die Waldarbeiter. Die Revierleiterin im Forstbetriebsbezirk Velen liebt ihren Beruf. Während sie die gefällten Kolosse vermisst und registriert, schwärmt sie von nachhaltiger Holznutzung, von ihrer Kindheit im Forsthaus, von der familieneigenen Teckelzucht und von Großtante Beate. Die ist 70 und wäre auch gern Försterin geworden. Ein Ding der Unmöglichkeit, damals.

Es fiel der grün gewandeten Traditionszunft schwer, Frauen in ihre Reihen aufzunehmen. Länger als in anderen Berufen hatte man die Geschicke des Waldes ausschließlich im exklusiven Männerbund gelenkt. Die traditionelle Verquickung von Forstberuf und Militärdienst schloss Frauen aus. Noch in den 70er Jahren mussten angehende Forstreferendare ihre körperliche Tauglichkeit nach den Kriterien der Bundeswehrmusterung vorzeigen. Bis 1945 gehörte sogar mehrjähriger Militärdienst in den so genannten Jägerkorps und –bataillonen zur Försterausbildung. „Es gibt in Deutschland keinen anderen zivilen Beruf, dessen Berufsgeschichte so eng mit der militärischen Tradition verbunden war“, schrieb 1987 dazu das Fachblatt Der Deutsche Forstmann. Erst 1974 wurde die Ausbildung der Förster von den Waldarbeiter-Schulen an die Fachhochschulen übertragen. Seitdem wurden auch Frauen zum Studium zugelassen. Heute liegt die Frauenquote in dem grünen Traditionsberuf im Durchschnitt bei etwa fünf Prozent.

Forstrevier Kirchberg, im März. Zwischen den tropfnassen Bäumen an der Weser hängt Nebel. Es ist diese ungemütliche Sorte, die im Nu unter Jacken und Hosenbeine kriecht. Der Frühling findet bislang nur im Kalender statt. Wochenlanger Dauerregen hat die Waldböden Westfalen-Lippes in Morast verwandelt. Im Sommer machen Hitze, Zecken, Mücken oder erneuter Dauerregen den Forstleuten das Leben schwer. „Das muss man schon abkönnen“, sagt Ute Reckefuß. Natürlich gehe sie hin und wieder auf die Jagd und sicher habe sie während der Ausbildungspraktika auch Bäume gefällt, fügt sie dann hinzu. Die alltäglichen körperlichen Herausforderungen ihres Jobs beschreibt die 31jährige Revierförsterin aber anders. „Man muss gut in Gummistiefeln laufen können“, sagt sie und betrachtet vielsagend ihre Beine, die kniehoch in ebensolchen stecken. Wie all ihre Amtskolleginnen durchmisst auch Ute Reckefuß im Laufschritt Haine, Hänge und Unterholz. Berufskrankheit entschuldigt sie dieses Tempo.

1084 Hektar oft unwegsames Gelände und mehrer Trupps Waldarbeiter muss sie täglich inspizieren und koordinieren. Zeit ist Geld – egal wie das Wetter ist. Ute Reckefuß sprintet durch einen Schlammgraben, lässt ihren Dackel wieder in den Wagen hüpfen und gibt Gas. Etwa 25 Kilometer beträgt eine Strecke quer durch ihr Revier. 16.000 Dienstkilometer legte die passionierte Radfahrerin darin im letzten Jahr mit dem PKW zurück. Autofahren muss eine Försterin auf jeden Fall. Und rechnen. Schließlich ist ein Forstrevier ein Wirtschaftsbetrieb. Die Holzpreise müssen ebenso kalkuliert werden wie die Honorare der Forstunternehmer.

Neben einer Schonung stoppt Revierleiterin Reckefuß den Wagen erneut und hechtet bergauf. Oben hackt ein Mann in orangefarbener Gummihose Löcher in den Boden und steckt Eichensetzlinge hinein. „Die Pflanzarbeiten im Frühjahr mögen die Waldarbeiter am allerwenigsten“, erzählt die Försterin. „Das ist die härteste Arbeit im Wald“, bestätigt der Mann. Man muss sehr genau arbeiten, damit die Wurzelballen wirklich fest im Boden sitzen – vor allem aber muss man sich für jede Pflanze vielfach bücken. Das geht aufs Kreuz. Es gehört zur Ironie der Forstgeschichte, dass dieser härteste Job im Wald traditionell – vielerorts bis heute – von Frauen verrichtet wurde. In jedem Frühjahr zogen die so genannten Pflanzfrauen mit Säcken voller Setzlinge in den Wald oder krümmten die Rücken über Saat, die in den Beeten der Baumschulen herangezogen wurde. „Vorteilhaft ist, wo anwendbar, die Heranziehung von Frauen und Kindern zu Kulturarbeiten, teils weil sie billigere Arbeitskräfte sind, besonders aber auch, weil sie die zu dieser Beschäftigung erforderliche Geschicklichkeit viel schneller erwerben und dabei meist eine größere Sorgfalt an den Tag legen, als männliche erwachsene Arbeiter“, empfahl das Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reich 1891.

Ein Denkmal hatten die Waldarbeiterinnen für ihre Plackerei immerhin bekommen: Auf jeder 50-Pfennig-Münze pflanzte bis zur Einführung des Euro eine Kulturfrau eine Eiche. Als „Trümmerfrauen des Waldes“ hatten Pflanzerinnen nach den beiden Weltkriegen die deutschen Wälder wieder aufgeforstet. Denn durch Kämpfe und Bomben, den wachsenden Brennholzbedarf der Bevölkerung und die Holzeinschläge, mit denen die Siegermächte nach Kriegsende ihre Reparationsforderungen beglichen, waren weite Teile des deutschen Walds dem Erdboden gleich gemacht worden.

„Die Forstzunft ist ausgesprochen konservativ“, sagt Andrea Balke-Borkes. „Erst haben die Kollegen geguckt, inzwischen haben sie sich an mich gewöhnt“, bestätigt Ute Reckefuß. Vorgesetzte und Untergebene habe sie „durch Fachkenntnis und Ansprache“ für sich eingenommen. Auch Andrea Balke-Borkes hat das so erlebt. Gibt es eine weibliche Forstwirtschaft? Antje Feldhusen, Forstrevierleiterin bei Hannover und erste Vorsitzende des bundesweiten Forstfrauennetzwerks, das es seit einigen Jahren gibt, zögert. „Ganz vorsichtig formuliert denke ich, dass Försterinnen sich vielleicht manchmal nicht so sehr von der Technik einnehmen lassen“, sagt sie schließlich. „Sie zeigen Spaziergängern genau so gern einen Mistkäfer wie eine Erntemaschine.“

Die Reportage ist erschien (in längerer Form) erstmals am 23. September 2000 im Wochenendmagazin des Kölner Stadt-Anzeigers. Copyright: Gisa Klönne