"Der Wind war Eis und ließ das Springseil, das Ekaterina hinter sich herzog, im Nu so steif gefrieren, dass sie nichts mehr damit anfangen konnte. Der Schnee auf dem Boden sah grau aus, grau wie der Himmel. Raureif legte sich auf Ekaterinas Wimpern, Augenbrauen und auf die Haarsträhnen, die unter ihrer Pelzmütze hervorschauten. Sie blinzelte, damit die Tränenflüssigkeit in den Augenwinkeln nicht gefror".

(Nacht ohne Schatten)

Reportage

Vorausgereist: Im Kenozero-Nationalpark, hoch im Norden Russlands, erwartet die ersten "Öko-Touristen" eine einzigartige Naturlandschaft.
Gisa Klönne | Die Welt | 6. Oktober 2000

Das Glück kommt gegen 22 Uhr, als wir aus der Banja ins Zwielicht über dem See treten. Wald, Wiesen, Wasser umgeben uns, Schattierungen von Grün und Grau. Der Steg schwimmt, gibt nach, trägt uns doch. Wir könnten ins Wasser springen ohne zu zögern, aber weil wir plötzlich die Stille bemerken, diese besondere Stille, die es nur gibt, wo kilometerweit Natur herrscht, und weil die Wolken beinahe unsere Schultern berühren, balancieren wir einfach auf den verwaschenen Bohlen, sehen zu, wie uns der Wind den Dampf vom Körper weht und vergessen die Zeit. So ist das mit dem Glück in Kenozero.

"Ich liebe diesen Park mit meinem ganzen Herzen, weil er der russischste Nationalpark ist", sagt Elena Schatkovskaya später in unserem Quartier, einer einsamen dunklen Holzkate, die sich ins nasse Gras duckt. Tatsächlich sei diese Gegend die Wiege vieler Märchen und Sagen, Russlands Herz gewissermaßen. Es sei der Abgeschiedenheit zu verdanken, dass hier, weit nördlich von Moskau, manch alte Sitte überlebt hätte. Elena Schatkovskaya ist die Direktorin des Kenozero-Nationalparks. Seit seiner Gründung 1991 behütet die Bauingenieurin hier Bäume, die als heilig gelten, zahlreiche Rote-Liste-Arten und Einwohner, deren Leben aussieht, als sei die Zeit stehen geblieben. Das Miteinander von Natur und Kultur macht den Kenozero unter den 36 russischen Nationalparks einzigartig.

Kenzero.jpgEtwa 5000 Besucher im Jahr kommen hierher, doch wenn es nach Elena Schatkovskaya geht, werden bald bis zu 19.000 "sanfte Touristen" dem 1.400 Quadratkilometer großen Territorium die bitternötigen Einnahmen bringen. Ökocamps für Kinder hat die 41jährige mit norwegischer Hilfe schon etabliert. Russische Pauschaltouristen kommen, ein paar Skandinavier, wenige Deutsche. Die zartgesichtige Direktorin schenkt Wodka nach und schwärmt von Seerosen und Wasserlilien, von Aalen, Mooren und Urwäldern, von Vielfraß und Braunbär und von den 238 Vogelarten die sich in ihrer Obhut befinden. "Jeder dritte Toast geht in Kenozero auf den Park", sagt sie schließlich und dann sitzen wir noch ziemlich lange um den Tisch und lassen die Gläser über fangfrischem Fisch, Gemüse und Kartoffeln klingen, während draußen die Nacht nicht dunkel wird.

Am nächsten Morgen bringt uns ein Boot tiefer in den Nationalpark. Ein verlassener Hof gleitet vorbei, menschenleere Landschaft, dann eine Kapelle, silbergrau verwittert, allein, mit einem Zwiebeltürmchen aus Holzschindeln. Elf Kirchen und 35 Kapellen, allesamt ohne einen einzigen Nagel erbaut, haben in dieser Entlegenheit die Zeitenwandel überdauert. Spuren der ersten Menschen in dieser Region lassen sich auf 2000 vor Christus datieren. Finno-ugurische Stämme siedelten hier, bald ließen sich Handelsleute vom Weißen Meer an den Seeufern nieder. Aus dem uralten Kulturenmischmasch erwuchsen eigenwillige Sprachidiome und Bräuche. Altgläubige entzogen sich hier den Geboten der russisch-orthodoxen Kirche, heidnische Kulte wurden in den Gottesdienst integriert, Kunst, Handwerk, Handel und Landwirtschaft florierten, bis die russische Revolution den Glauben verbot.

Die Bäuerinnen des Dorfes Semjenovo sehen aus, als stammten sie aus einem russischen Märchenbuch. Am Ortseingang vermodert eine umgestürzte Birke. "Ein heiliger Baum" sagt Elena Schatkovskaya, "niemand würde ihn je anrühren, egal wie hoch der Brennholzbedarf ist". Zwei hutzelige Babuschkas in kniehohen Gummistiefeln eilen herbei, uns zu begrüßen. Ein anderes Mütterchen mit grünem Kopftuch rudert mit flinken Schlägen über den See zum Nachbardorf. Ohne Boot ist schlecht Vorwärtskommen im Park. Kanutouren für Touristen soll es in einer nicht allzu fernen Zukunft geben. Auch einen 35 Kilometer langen Treckingpfad und Landkarten auf Englisch.

Die 90jährige Anna Fjodorovna Silujanova mustert uns mit hellem, scharfen Blick, dann schließt sie uns die Dorfkapelle auf. Ikonen schimmern im Lichtkegel, der durch die Tür fällt. Die Kapellen sind die Verbindung der Menschen zu ihren Herzen und Seelen, heißt es im Park. Weil der "große Gott" in den Kirchen so weit entfernt erschien, bauten die Altgläubigen im Kenozero-Park Kapellen für ihre "kleinen Götter" und Heiligen, denen sie hier ihre kleinen Sorgen anvertrauten. In jedem Dorf gibt es eine Kapellenpflegerin wie Anna, bei der man sich den Schlüssel holen kann, wenn man beten will.

KenzeroDie alte Anna zündet Kerzen an, zeigt auf die bemalte blaue Holzdecke, von der Engelsgesichter zu uns herab starren. 15 solcher "Himmel" gibt es im Kenozero-Nationalpark - mehr als irgendwo sonst in Russland. Lange Zeit hatten die Parkbewohner ihre Heiligtümer vor den atheistischen Säuberungsmaßnahmen ihrer Regierung versteckt. Nun tauchen die Schätze wieder auf, werden restauriert, registriert und den Kapellen und Kirchen zurück gegeben. "Uns unterwirft man so schnell nicht, wir sind Pomoren", sagt die Parkdirektorin zufrieden und dann steigen wir wieder ins Boot und fahren weiter, Gischt spritzt, zwei Seevögel folgen uns und schon sind da wieder die Weite, die Stille, das Glück.

In Zichnovo jagen drei Pferde die Kühe durchs Dorf. Kinder bestaunen uns. Kaum jemand hat hier ein Motorboot, niemand kann einen Traktor bezahlen. Früher hat Vera Nikolaevna Bolosneva in der Dorfschule gelehrt. Acht eigene Kinder hat sie groß gezogen. Jeden Morgen um sechs Uhr steht sie auf und versorgt das Vieh. Vor ihrem Eingang weicht Wäsche in Regentonnen. Fließend Wasser gibt es nicht, aber ein Telefon, das manchmal funktioniert. Einmal ist Veras Ehemann Nikita Maximovitsch Bolosnev fort gewesen, im Krieg. In Worms und Biblis war er Kriegsgefangener, dann noch eine Weile in Berlin. Für den Besuch aus der Fremde zieht das Ehepaar die Jacken mit den UdSSR-Orden an. "Es ging bergauf nach dem Krieg. Jetzt ist das Geld nichts mehr wert, " ruhig stellt der alte Mann das fest, schaut dabei in den Himmel über dem See. Und wenn deutsche Urlauber in sein Dorf kämen? Der 80jährige Nikita Maximovitsch Bolosnev überlegt nicht lange. "Wenn sie mit offener Seele und guten Taten kommen, sind sie willkommen".