SCHAUPLATZ SIEBENBÜRGEN
Romanschauplatz

„Antworten – warum waren ihm die auf einmal so wichtig? Arno betrachtete seinen Vater als Vortänzer mit in der Luft schwingendem Bein und weit ausgestreckten Armen auf einer Bühne, im Sprung gefangen. Was war geschehen an jenem Sommertag 1941? Ein Tänzchen oder ein Treueversprechen? Und was geschah in den Folgejahren? Die meisten Siebenbürger Sachsen, die 1944 zu fliehen versuchten, kamen nicht einmal bis nach Österreich.“

Romanschauplatz

„Das Land war weit und grün und sehr leer. Den Kirchturm von Alzen sah man schon von weitem, weiß leuchtend mit einem silbernen Blechdach, perfekter in Schuss als jemals. Arno bremste ab, weil eine Schar Ziegen die Straße überquerte.“

Romanschauplatz

„Die Stille war vollkommen, unwirklich, ein großes Lauschen. Von irgendwoher frischte Wind auf, sanft wie ein Streicheln. Der Friedhof lag an einem Hang. Betonsockel umfassten die Grabstätten, selbst einige Grabsteine und Obelisken waren aus Beton gefertigt worden, vielleicht hatte Ceausescu seinem Volk nicht einmal Granit gelassen.“

Romanschauplatz

„Sie hastete weiter an der Mauer entlang und stieß auf eine tunnelartige Treppe, die geradewegs in die Mauer und hinauf zur Kirche führte. Sie folgte den Stufen ins Halbdunkle und gelangte auf eine Wiese. Sogar Buschwerk und Bäume wuchsen hier. Und die Kirche stand frei in der Mitte. Verschlossen natürlich.“

Romanschauplatz

„Die Häuser der Hauptstraße duckten sich in zwei langen Reihen entlang der Straße. Auch hier waren etliche saniert und mit Satellitenantennen bestückt worden. Und auch hier gab es Gardinen und Jalousien vor den Fenstern, hinter denen sich womöglich Augen verbargen.“

Romanschauplatz

„Der Platz in der Ortsmitte, wo früher die Blaskapellen aufmarschiert waren, wirkte verwahrlost, genau wie der Konsum-Supermarkt. Das Eingangsportal der Kirche war mit Brettern vernagelt. Ein Irrsinn war diese Rückkehr, zum Scheitern verurteilt. Je näher er dem Dorf seiner Kindheit kam, desto weniger verstand er, was ihn geritten hatte, als er diesen Flug buchte, was er hier eigentlich wollte.“

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„‘Unser Land hatten sie enteignet, unser Vieh verschachert oder geschlachtet, und die Felder waren verwahrlost. Aber wir konnten nichts machen, wir mussten uns fügen und uns in den neu gegründeten staatlichen Landwirtschaftskollektiven verdingen.’ Alte Geschichten, so irrsinnig wie der Krieg ... Als sie fortfuhren, hatte niemand gewagt, auf die Straße zu treten, aber sie waren doch sicher gewesen, dass man ihnen nachsah.“

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„Als Mädchen hatte sie einmal auf einer Wiese einen riesigen Strauß Mohnblumen gepflückt. Sie war immer schneller nach Hause gelaufen, konnte es plötzlich kaum noch erwarten, ihre Gabe zu überreichen. Aber schon als sie am Gartentor ankam, trudelten die ersten Blütenblätter zu Boden, und binnen Stunden fielen auch alle anderen. Mohnblumen sind fragil, man muss sie an ihrem Platz lassen, hatte ihre Mutter erklärt. Nur dort sehen sie schön aus und können gedeihen.“

DIE WAHRSCHEINLICHKEIT DES GLÜCKS
© Gisa Klönne